Als ich 1974 aus beruflichen Gründen nach Aachen kam, war mir der Name Gisbert Kranz wohlbekannt. Schon lange Zeit waren zwei erstaunliche Büchlein in meinem Regal gestanden (und nicht selten als Studienobjekte auf meinem Schreibtisch gelegen) - Taschenbücher, in denen der Kontinent einer "christlichen Literatur", wie mir schien erstmals, vermessen wurde und die den Autorennamen Gisbert Kranz trugen.
Nur langsam wurde mir klar, daß der mir ehrwürdig erscheinende Autor ausgerechnet in meinem neuen Lebensumfeld wohnhaft war. Und zwar keineswegs als Professor oder an sonst herausgehobener Stelle, sondern allem Anschein nach "lediglich" als Privatgelehrter und Gymnasiallehrer. Persönlich lernte ich ihn nach einiger Zeit – wenn auch nur flüchtig - in meinem beruflichen Umfeld als Benutzer der Aachener Diözesanbibliothek kennen, an der ich seit 1978 als wissenschaftlicher Bibliothekar arbeitete.
Überrascht war ich dann schon, als eines Tages im Jahre 1983 ein Brieflein von Gisbert Kranz auf meinen Dienstschreibtisch flatterte, in dem zur Gründung der "Inklings-Gesellschaft" eingeladen wurde. Überrascht auch deswegen, weil die "Inklings", allerdings zunächst nur in Gestalt von C.S. Lewis, zu meinen ganz frühen und prägenden Leseerfahrungen zählten. Bis zu diesem Moment war mir freilich nicht bewußt gewesen, daß Gisbert Kranz zu den ersten gehört hatte, die Lewis in Deutschland bekannt zu machen versuchten.
Aber die "Inklings-Gesellschaft" interessierte mich natürlich sofort, umso mehr als in der Zwischenzeit auch die Werke von J.R.R. Tolkien in meinen Gesichtskreis getreten waren und mir viel bedeuteten. Und so kam es denn auch, daß ich mich schließlich zu den Gründungsmitgliedern der Inklings-Gesellschaft zählen durfte und dort, so gut ich konnte, mitarbeitete. Beinahe wäre es zu einer intensiveren Befassung gekommen, als Gisbert Kranz damit umging, seine umfangreiche Inklings-Sammlung der Diözesanbibliothek, meiner Dienststelle, anzuvertrauen. Die Verhandlungen mit dem Bistum Aachen müssen damals wohl recht weit gediehen sein. Aber leider kam eines Tages vom Bistum völlig unvermutet das "Kommando zurück" – aus Gründen, die mir nie recht klar geworden sind, die aber sicher zusammenhingen mit der mangelhaften Grundkonzeption in der "Politik" des Bistums, die dann auch zu den späteren gravierenden Schwierigkeiten des Bistums im Ganzen geführt hat.
So blieb es für mich beim Status eines einfachen Mitglieds. Aber der Kontakt zu Gisbert Kranz blieb erhalten, nicht zuletzt dadurch, daß die jahrzehntelang bis heute aufrechterhaltenen Begegnungen im Aachener Inklings-Lektürekreis lange Zeit im Haus von Gisbert Kranz im Aachener Rote-Haag-Weg stattfanden – größtenteils intensive und denkwürdige Gesprächsnachmittage, die neben Gisbert Kranz auch seinen Freund Hans Altmann als Gesprächsleiter und Anreger sehr schätzbar werden ließen.
Daß nach Hans Altmann nun auch Gisbert Kranz im hohen Alter von uns ging, beklage ich mit allen Inklings-Freunden sehr. Was Gisbert Kranz uns gegeben hat, bleibt aber unvergessen.
Josef Schreier

